Molekulare Medizin in Göttingen
"Was ist das denn?"
ist wohl eine der häufigsten Reaktionen, wenn man auf die Frage nach dem Studiengang "Molekulare Medizin" antwortet. Was sicherlich verständlich ist, denn schließlich gibt es dieses Studienfach in Göttingen erst seit dem Wintersemester 2003 und das spezielle Gebiet der Molekularen Medizin hat deutschlandweit auch noch nicht so viele Jahre auf dem Buckel.
Nachdem Eltern, Großeltern und andere Verwandte mittlerweile zumeist wenigstens vom Namen her über das Studium ihrer Kinder Bescheid wissen ("…irgendwas mit Medizin…" hat ausgedient!), wird es Zeit, dass auch wir Molekularmedizin-Studenten uns und unser Studium einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen.
Um im Voraus Irreführungen zu vermeiden: keiner von uns, vorausgesetzt, er bleibt dem Fachgebiet treu, wird einmal am Krankenbett stehen und sich mit Patienten herumschlagen. Vielmehr obliegt es Molekularmedizinern, eine durchaus ansehnliche Lücke in der Forschung zu schließen: nämlich die zwischen dem medizinisch wenig vorgebildeten Naturwissenschaftler (Biologe/in, Chemiker/in etc.) und dem Mediziner, dem meist eine umfassende naturwissenschaftliche Ausbildung fehlt und der ohnehin ja meist auch noch als praktizierender Arzt tätig ist; wer will sich nach der harten Arbeit schließlich noch mit Problemen im Labor rumärgern müssen.
Und hier kommen Molekularmediziner ins Spiel, denn sie sind während ihres Studiums in beiden Disziplinen ausgebildet worden, sowohl in den Naturwissenschaften als auch in der Medizin.
Mittlerweile das 4. Jahr in Folge erhören 20 hochmotivierte Studienwütige (mittlerweile hat sich auch die Zahl der männlichen Studierenden auch etwas erhöht) den Ruf an die Georg-August-Universität in Göttingen, um sich im Bachelorstudiengang Molekulare Medizin auf die Besetzung dieser Nische vorbereiten zu lassen. Und mittlerweile über 50 (Schwund ist immer!) "MolMeds" kämpfen in ihren jeweiligen Vorlesungen, Seminaren und Praktika um Credits und Noten.
Und das ganze Programm gestaltet sich dementsprechend abwechslungsreich. Zwar steht das erste Jahr ganz im Zeichen der klassischen Naturwissenschaften wie Physik und Chemie (und da gleich Physikalische, Organische und Anorganische), meist zusammen mit anderen Naturwissenschaftlern, aber schon hier stehen Fächer wie Genetik und Zellbiologie speziell für Molekularmediziner auf dem Studienplan, damit man sich nicht völlig zwischen den Hauptsätzen der Thermodynamik, Schiff´schen Basen und der Diels-Alder-Acylierung verliert. Passend zu den entsprechenden Fächern gibt’s natürlich noch mehr oder weniger (meistens mehr...) aufwändige Praktika, die den gelernten Stoff vertiefen sollen und diese Aufgabe auch wirklich mit Bravour wahrnehmen.
Ist das erste Jahr doch arg von den Naturwissenschaften dominiert, so geht es im zweiten Jahr mit den vom Namen her interessanteren Sachen weiter, jetzt stehen nämlich die vorklinischen Fächer Anatomie, Physiologie und Biochemie in ihren unterschiedlichen Ausprägungen auf der Agenda, nur gelegentlich unterbrochen von eingestreuter Biomathematik. Weitaus mehr Zeit als die genannten Vorlesungen, welche zusammen mit den Human- und Zahnmedizinern besucht werden, nehmen allerdings die Praktika in Anspruch, welche ab dem dritten Semester auf die Studierenden einprasseln. Hierbei handelt es sich zunächst um ein Grundpraktikum, in welchem die Basisfertigkeiten in den genannten Fächern vermittelt werden. Meistens aber viel interessanter (und oft auch weniger anstrengend) ist allerdings das Praktikums-Modul "Spezielle molekularmedizinischen Methoden", in welchem man sich je nach Interesse und Anforderung speziell zugeschnittene Praktika aus einer Angebotsliste der Medizinischen Fakultät herauspicken kann, um dann einmal so richtig in die Arbeit eines Diagnostik- oder Forschungslabors hereinzuschnuppern und sich die unterschiedlichsten Fertigkeiten und Methoden anzueignen.
Dieser Block erstreckt sich auch noch in das dritte Studienjahr, die weiteren Lehrveranstaltungen allerdings ändern sich jetzt von vorklinischen zu den klinischen Fächern. Im ersten Vorlesungsblock "Allgemeine molekularmedizinischen Aspekte" erlernt man die molekularen Grundlagen so vielfältiger Themengebiete wie Immunologie, Humangenetik, Pathologie, Mikrobiologie und Virologie, während im zweiten großen Modul "Molekularpathologische Aspekte der Organsysteme" die Ursachen der verschiedensten Krankheiten in den Bereichen z.B. der Kardiologie, Urologie, Gastroenterologie und Neurologie unter molekularmedizinischen Gesichtspunkten beleuchtet werden. Alle Vorlesungen der jeweiligen Teilmodule erstrecken sich dabei über zwei Wochen jeweils zweistündig pro Tag oder über vier Wochen jeweils einstündig täglich, wobei direkt im Anschluss an das Ende des Submoduls die Klausur folgt. Alle diese Vorlesungen sind dabei speziell für Molekularmediziner und damit in geringer Gruppenstärke zu bestreiten. Um ein wenig Abwechslung in den klinischen Stoff zu bringen, wird zusätzlich noch ein Modul "Bioinformatik" angeboten. Außerdem ergänzen Wahlmodule das ganze Studium hindurch den Lehrplan und am Ende jeden Jahres wird im Rahmen des Integrativen Moduls der Lernstoff des vergangenen Jahres in Form von Vorträgen aufbereitet. Den Höhepunkt des letzten Jahres stellt natürlich die Anfertigung der Bachelorarbeit im jeweils erwählten Labor dar, wofür man 10 Wochen Zeit in Anspruch nehmen darf. Hat man alle diese Hindernisse erfolgreich überwunden, darf man sich anschließend stolz "Bachelor of Science" nennen und die nächste Etappe in Angriff nehmen: entweder man tritt mit seinem funkelnagelneuen akademischen Abschluss einen Arbeitsplatz an (was sich ehrlich gesagt oft noch nicht so erfolgreich gestalten könnte) oder man greift nach höheren Ehren, nämlich entweder an einer anderen Universität oder noch besser in Göttingen selbst sein Studium bis zum "Master of Science" noch mal für anderthalb bis zwei Jahre fortzusetzen.
Das gerade frisch gestartete Master Program "Molecular Medicine" vertieft im Prinzip die Lehrinhalte des 3. Bachelorjahres, um die Studierenden endgültig fit für die wissenschaftliche Karriere in der Forschung zu machen. Verschärfte Bedingungen werden durch ausschließlich auf Englisch gehaltene Veranstaltungen geschaffen, aber nach einer kurzen Eingewöhnungsphase ist das kein Problem mehr, schließlich führt schon im Bachelor Program oft kein Weg an der allgegenwärtigen "Lingua franca" der Wissenschaft vorbei. Nach einem Jahr intensiven Studiums mit drei achtwöchigen Praktikumsblöcken sollte man dann genügend Rüstzeug für die Anfertigung der Master-Arbeit angesammelt haben, wofür wiederum 6 Monate veranschlagt sind.
Und als fertiger "Master of Science2 sollten einem dann alle Türen, ob nun Promotion oder Arbeitsplatz, offen stehen...
Der Studiengang "Molekulare Medizin" ist also alles in allem eine abwechslungsreiche, interessante und zukunftsträchtige Studienwahl, allerdings sollte man sich auch keine Illusionen über den Anspruch und den nicht geringen Zeitaufwand machen. Aber letztendlich wird man mit jeder Menge Wissen und noch viel mehr Stolz über das Gelernte belohnt.
Hannes Voßfeldt